Besucherinnen und Kinder an den Keramik-Tischen der Residenz im Garten unter Bäumen

Zwischen Moos & Universum

Ein Meilenstein für Keramik, Kunst und Gemeinschaft

Was für eine intensive, satt bereichernde und magische Zeit liegt hinter uns! Die Residenz der Provinzsphäre 2026 mit der internationalen Künstlerin, Kunstpädagogin und erfahrenen Keramikerin Taya Golovanova ist zu Ende gegangen. Gemeinsam mit ihren Töchtern ist Taya zurück nach Hause gereist, doch ihre wunderbare Energie, ihr fundiertes Fachwissen und die gemeinsam geschaffenen Werke bleiben uns erhalten. All dies ist nur Möglich durch die Förderung des MWFK Brandenburg, welches uns die Strukturbildende Maßnahme ermöglichte und die Sparkasse OPR. So wied der Koordination der Plattform Kulturelle Bildung.

Taya Golovanova modelliert eine Tonfigur im Garten

Wer ist Taya Golovanova?

Taya Golovanova steht für eine Kunstpraxis, die tief mit Natur, Gemeinschaft und Vermittlung verwoben ist. Ihre künstlerischen Wurzeln und ein jahrelanger, reichhaltiger Erfahrungsschatz im Keramikhandwerk liegen in Sankt Petersburg. Heute lebt und arbeitet Taya in einem kleinen Städtchen auf Teneriffa. Als engagierte Kulturschaffende formt sie dort mit ihrer Gruppe das kulturelle und soziale Umfeld aktiv mit – ein Geist der Selbstermächtigung und Gemeinschaftsbildung, den sie nahtlos in unsere Residenz getragen hat.

Für Taya ist Kunst kein isolierter Prozess im Atelier, sondern gelebte Unmittelbarkeit: Während der Residenz schlug sie ihr Lager im Zelt direkt im Freien auf, um im ständigen, unverbauten Kontakt mit den Elementen, dem Wetter und der Landschaft der Ostprignitz-Ruppin (OPR) zu sein. Diese bodenständige, erdig-kosmische Haltung prägte nicht nur ihre eigenen Arbeiten, sondern inspirierte alle Beteiligten tief.

Diese Wochen waren ein riesiger Know-how-Schub für unsere Arbeit. Wir haben nicht nur intensiv produziert, sondern auch nachhaltige Strukturen für die Zukunft unseres Standorts geschaffen.

Raku-Brennverfahren & Ofenbau & Erstinbetriebnahme

Ein zentraler Pfeiler der Residenz war das Erlernen und Festigen des Raku-Brennverfahrens.

Exkurs: Was ist Raku?

Raku (jap. 楽 – Freude, Gelassenheit) ist eine traditionelle japanische Brenntechnik aus dem 16. Jahrhundert. Im Gegensatz zum herkömmlichen Keramikbrand werden die Gefäße bei knapp 1000 °C rotglühend mit einer Zange direkt aus dem heißen Ofen geholt. Durch den plötzlichen Temperaturschock entstehen feine Haarrisse in der Glasur (Krakelee). Anschließend kommen die Stücke in einen Behälter mit organischem Material (wie Sägemehl oder Laub): Das Material entzündet sich, entzieht der Umgebung Sauerstoff (Reduktion) und der dichte Rauch dringt tief in die Risse sowie unglasierten Flächen ein, die sich dadurch tiefschwarz färben (Schwarzbrand).

Umsetzung in der Residenz:

  • Eigener Ofenbau: Dank der tatkräftigen Unterstützung unseres Freundes und Helfers Jürgen Engel haben wir einen eigenen mobilen Raku-Ofen gebaut.

  • Erprobung & Praxis: Taya hat mit uns erste Testbrände durchgeführt, sodass wir das feurige Zusammenspiel von Hitze, Sauerstoffentzug und Krakelee-Effekten von Grund auf erlernt haben.

  • Ofen-Check & Kooperationen: Gemeinsam mit Taya haben wir die Öfen unserer Kooperationspartnerinnen der Initiative Metamorphose genau unter die Lupe genommen. Zudem wurden die brandneuen Öfen unseres Standorts, die bislang noch nicht im Betrieb waren, fachgerecht eingebrannt und Testgebrannt

Raku-Brand: Ofen anheizen, brennende Schale, dampfendes Abkühlen der Keramik

Was passierte diese Wochen?

Umfassender Wissensschatz: Von der Tonaufbereitung bis zur Engobe

Durch Tayas jahrelange Erfahrung als Keramikerin konnten wir tief in die Materialkunde eintauchen. Taya hat uns gezeigt, wie vielseitig und lebendig der Werkstoff Ton ist:

  • Materialkunde & Tonarten: Fundierter Umgang mit verschiedenen Tonarten und Techniken und deren spezifischen Eigenschaften beim Formen und Brennen.

  • Aufbereitung & Konservierung: Praktische Anleitung, wie Ton richtig gelagert, feucht gehalten, konserviert und abgelagerter oder getrockneter Ton wieder aufbereitet (recycelt) werden kann.

  • Oberflächengestaltung: Intensive Arbeit mit unterschiedlichen Engoben und Unidekorfarben, um ausdrucksstarke farbliche und texturielle Akzente auf der Keramik zu setzen.

Generationsübergreifende Bildungsarbeit im ländlichen Raum

Besonders stolz macht uns der soziale und integrative Charakter der Angebote. Der gemeinsam durchgeführte Raku-Workshop war generationsübergreifend – Menschen unterschiedlichsten Alters kamen zusammen, um gemeinsam zu schaffen und zu experimentieren.

Die Kurse wurden auf Englisch gehalten und von Irina Maslennikova übersetzt. So entstand ein lebendiger, inklusiver Raum des Austauschs, der zeigt, wie wertvoll kreative Bildungsformate im ländlichen Raum (OPR) sind: Kunst öffnet Türen und bringt Menschen zusammen.

Philosophie der Werkstoffe: Warum wir auf Ton und Naturmaterialien setzen

In unseren Angeboten begrenzen wir uns bewusst auf echten Ton und verzichten auf synthetische Modelliermassen oder Kunststoffe. Dieser Ansatz schließt nahtlos an unser Konzept aus dem letzten Jahr an, bei dem wir intensiv mit Wolle und Filz gearbeitet haben:

  • Urige Naturmaterialien & Tiefe Erinnerung: Ton ist – genau wie Wolle – so alt wie die Menschheit selbst (und älter). Naturmaterialien begleiten unsere Art seit jeher. Der erdige Geruch, die kühle Feuchtigkeit, die geschmeidige Elastizität und die spürbare Spannkraft sprechen tief sitzende, sinnliche Schichten in uns an.

  • Fünf Elemente & Erdung: Ton verkörpert das Spiel der Elemente – Erde und Wasser, die geformt, durch Luft getrocknet und durch Feuer gehärtet werden. In einer zunehmend digitalisierten Welt schenkt uns das somatische Arbeiten mit reiner Erde eine unmittelbare Entschleunigung und Erdung. Das Lebendige des Materials führt den Menschen wieder zu sich selbst zurück.

  • Resonanz mit der Natur (Raku als Spiegel): Auch beim Raku-Brand nutzen wir Naturmaterialien wie Sägemehl, Stroh oder Laub für die Reduktion. Die Flammen und der Rauch hinterlassen unvorhersehbare, organische Spuren auf der Oberfläche. Die Natur wird so zum direkten Mitgestalter. Wer mit Naturmaterialien arbeitet, tritt in einen Dialog mit der Umwelt – und damit mit der eigenen inneren Natur.

  • Zukunftsvision – Materialkombinationen: Ausgehend von Ton und Wolle möchten wir in zukünftigen Projekten noch weiter gehen und die Kombination verschiedener uriger Materialien erforschen: das Zusammenspiel von Ton, Holz, Wolle und Stein, um deren haptische Kontraste und gemeinsame Ursprünglichkeit künstlerisch nutzbar zu machen.

Foto: Steffen Segner

Foto: Steffen Segner

Niedrigschwellige Vermittlungskonzepte

Auf dieser philosophischen Basis haben Taya Golovanova und Irina Maslennikova zwei neue pädagogische Vermittlungskonzepte für die Arbeit mit Ton ausgearbeitet, die für alle Altersgruppen zugänglich sind:

„Tonmetamorphose“ (Prozessorientierte Innenschau):

  • Fokus auf Innerlichkeit & Reflexion: Die Arbeit führt Schritt für Schritt nach innen und lädt dazu ein, sich selbst zu reflektieren.

  • Der Ablauf (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft): Aus einem großen Stück Ton werden drei gleich große Teile geformt. Unter behutsamer Anleitung bewegen sich die Teilnehmenden formend von der ersten Kugel (Vergangenheit) über die zweite (Gegenwart) bis hin zur dritten Kugel (Zukunft).

  • Prozess statt Perfektion: Gearbeitet wird spürbar mit dem eigenen Körper und häufig mit geschlossenen Augen. Das sinnliche Erleben und die Wahrnehmung des eigenen Prozesses stehen im Vordergrund. Am Ende entstehen einzigartige Objekte, die das Innere zu diesen drei Lebensphasen sichtbar machen.

„Lebensplaneten“ (Formenbasiertes Gestalten & Regionale Zukunftsräume):

  • Niedrigschwelliger Einstieg durch Abformungen: Mithilfe passender Guss- und Abformschalen entstehen rasch perfekte Halbkugeln, die leicht zu größeren Hohlkugeln zusammengesetzt werden können. Dieser Schritt sorgt sofort für Erfolgserlebnisse – ganz ohne handwerkliche Hürden.

  • Oberflächenbearbeitung & Plastizieren: In kurzer Zeit verwandeln sich diese Kugeln in persönliche „Lebensplaneten“. Über Stempel, Texturen und das Plastizieren kleiner Tonobjekte (z. B. Miniaturhäuser, Personen, Bäume oder Symbole) baut jede Person ihre eigene kleine Welt auf dem Planeten auf.

  • Langfristiges Projekt & Freiluft-Ausstellung: Wir planen, auf diesem Konzept ein einjähriges Förderprojekt aufzubauen. Da die Planeten aus wetterfestem Steinzeug gebrannt werden, sind sie ideal für den Außenbereich geeignet. Die Vision für die kommenden Jahre ist eine große regionale Gemeinschaftsausstellung der „Planeten der Region“, die Geschichten und Identitäten der Menschen aus OPR im öffentlichen Raum sichtbar macht.

Die pädagogische Haltung: Wertfreies Betrachten, Fühlen und Beschreiben

Ein zentrales Element aller Workshops ist die gemeinsame Reflexion in der Gruppe. Anstatt gefertigte Stücke zu bewerten oder in „schön“ und „nicht schön“ einzuteilen, arbeiten wir nach dem Prinzip des wertfreien Wahrnehmens:

  • Sehen und Beschreiben lernen: In der Gruppe betrachten wir die entstandenen Objekte gemeinsam. Die Teilnehmenden lernen, zu artikulieren, was sie wahrnehmen: Wo lastet Form oder Gewicht? Wo entsteht Luftraum? Wo wirkt das Objekt schwer, wo leicht?

  • Gefühlen Raum geben: Es geht darum, wahrzunehmen, was ein Objekt beim Betrachten im eigenen Inneren auslöst, anstatt Urteile zu fällen.

  • Kollektiver Resonanzraum: Durch diesen wertfreien, beschreibenden Blick der Gruppe entsteht ein kollektiver unterbewusster Resonanzraum. Er ermöglicht der schaffenden Person eine tiefere, eigene Interpretation des Werkes – getragen von den ehrlichen, feinfühligen Rückmeldungen der Gemeinschaft.

Ausstellung & Tayas Skulpturen: Zwischen Moos und Universum

Den krönenden Abschluss der Residenz bildete die Präsentation der Arbeitsergebnisse. Taya Golovanova stellte ihre faszinierende Skulpturenreihe Zwischen Moos und Universum vor. Inspiriert von der Natur der OPR-Region – Taya hatte während der Residenz gezeltet und stand in direktem, unmittelbarem Kontakt mit der Landschaft und Atmosphäre – verbinden ihre Arbeiten Irdisches mit dem Kosmischen.

Objektkunst im Dialog mit Licht und Natur

Tayas Skulpturen fügen sich ganz natürlich in das Freigelände ein, als wären sie dort gewachsen. In ihrer Formensprache bewegen sich die Werke in einem reizvollen Spannungsfeld:

  • Figurative & abstrakte Formen: Eine der Skulpturen ist gegenständlicher gearbeitet und stellt einen organischen Pilz dar, während andere Arbeiten frei und abstrakt geformt sind.

  • Lichtpoesie & Einbindung von Solarpanels: Eine besondere Neuerung, die Taya während ihrer Zeit bei uns vertiefend ausprobieren konnte, ist der Einsatz von Solarlichtpaneelen. Sobald die Dunkelheit einbricht, erwachen die Skulpturen zu einem faszinierenden „Zweitleben“: Die integrierten Solarelemente verwandeln die Tonobjekte in sanft leuchtende Lichtskulpturen.

  • Engoben & Aquarelltechnik mit Unidekor: Neben der Form bestechen die Arbeiten durch ihre malerische Tiefe. Taya erschafft ihr ganz eigenes kosmisches Universum, indem sie Unidekorfarben in einer transparenten, fließenden Aquarelltechnik auf Engoben aufträgt.

Taya konnte uns viel von dieser speziellen Mal- und Dekortechnik vermitteln. Wir sind von dieser Methodik so begeistert, dass wir bereits den nächsten gemeinsamen Workshop planen: Malerei mit Unidekorfarben auf Keramik, den wir im besten Fall noch in diesem Jahr umsetzen wollen!

Neben Tayas Skulpturen wurden bei der Präsentation auch die farbenfrohen und rauchgeschwärzten Werke der Workshop-Teilnehmenden stolz gezeigt. Rund 40 Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit für tiefe, berührende Gespräche, echte Begeisterung und nachhaltige Vernetzungen.

Da Tayas Skulpturen vorerst in unserem Besitz bleiben, planen wir bereits weitere Gelegenheiten, diese eindrucksvollen Lichterskulpturen im öffentlichen Raum und bei zukünftigen Anlässen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auf die Zukunft!

Diese Residenz hat uns beiden – sowohl in unserem eigenen künstlerischen Stil als auch in unserer pädagogischen Arbeit – ein riesiges Stück vorangebracht. Das Verschmelzen verschiedener Stile war der Beginn von etwas ganz Großem. Wir hoffen sehr, diesen Geist weiterzutragen und in den kommenden Jahren auch einen Gegenbesuch oder Austausch auf Teneriffa zu realisieren.

Unser herzlicher Dank gilt:

  • Taya Golovanova für ihren unermüdlichen Einsatz, ihr Wissen und ihre Inspiration.

  • Jürgen Engel für die handwerkliche Unterstützung beim Ofenbau.

  • Steffen Segner für die Vor-und Nachbereitungen im Garten, Zelt- Pavillonaufbau und anderen Arbeiten der Ausstellungsgestaltung

  • Irina Maslennikova für die wunderbare sprachliche Vermittlung und Konzeptarbeit.

  • Unseren Förderern: dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie der Sparkasse OPR.